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Kigoma

April 2002 | Finde mich ein einem kleinem Zimmer wieder, ziemlich genau wie ich mir eine Gefängniszelle vorstelle. Der Wandsockel ist rot gestrichen, dann folgen zwei Meter beige-gelb, und der letzte Meter ist in türkis gehalten. Der Boden ist Beton. Die Matratze zehn Zentimeter länger als der Bettkasten. Ansonsten ein Waschbecken, das nach Pisse stinkt, ein kleiner verrosteter Spiegel, ein Tischchen, ein Moskitonetz.

Mir gehen die Worte von Mengeler nicht aus dem Sinn. Worte ist falsch, Zeilen waren es, eine Email. “Absurdität – ich glaube, dass da noch was zu holen ist.”

Das Gebäude, das mich für eine Woche beherbergen wird, ist ein Viereck, das in der Mitte einen großen Hof hat – dort waschen die Frauen ihre bunten Kangas und die Hosen ihrer Männer in alten türkisfarbenen Eimern, die ursprünglich blau waren. Und kochen Bohnen mit Reis auf Holzfeuern. Der Rauch des feuchten Holzes beißt mir in den Augen. Kinder turnen um ihre Mütter herum und rufen Mzungu, als ich aus meinem Zimmer komme und zu den Duschen schlendere. Strom gibt es heute nicht, denn die Leitung ist ausgefallen. Also taste ich mich im Dunklen der Kabine vorwärts. Der Gestank von den Toiletten gegenüber ist überwältigend. Nach einigem Tasten finde ich die Nägel, auf die ich meine Hose und mein T-shirt hängen kann. Das Wasser tröpfelt spärlich aus der Leitung.

Gerade habe ich mich eingeseift, als es plötzlich etwas heller wird – ein vielleicht zwölf Jahre altes Mädchen in Schuluniform steht in der Türe und schaut mich mit großen Augen ungläubig an. “Good morning” murmelt es, und macht die Türe wieder zu. Nachdem ich die Seife so gut wie möglich abgespült habe, begebe ich mich auf den Rückweg. Betrete den Gang zu meinem Zimmer, indem es ebenfalls dunkel ist. Vor meiner Türe liegt ein weißes Bündel. Als ich es vorsichtig mit meinem Fuß anstoße, steht das Huhn auf, gackert ungnädig und kackt mir vor die Füße.

Absurdität. Das Elektron bewegt sich auf einer bestimmten Umlaufbahn um den Atomkern. Äußere Einflüsse, zum Beispiel Wärme, also Energie im Allgemeinen, können bewirken, dass es seine Bahn verlässt und sich fortan auf einer anderen Bahn bewegt. Der Sprung hat scheinbar spektakuläre Auswirkungen * das Atom ändert seine stofflichen Eigenschaften. Was nichts daran ändert, dass sich das Elektron auf seiner Bahn um den Atomkern befindet.

In meinem Zimmer empfängt mich ein gelbliches Licht, das durch das vergitterte Fenster einfällt. Sobald ich die Türe geschlossen habe, fühle ich mich geborgen. Habe meine Sachen strategisch verteilt, so dass ich sie auch im Dunklen finde. Die Lampe, die von der Decke hängt, habe ich abmontiert. Nunmehr hängt mein Netzteil an der Leitung, und mit ein bisschen Glück kommt der Strom gleich wieder. Mein Akku reicht noch eine halbe Stunde.

football -lugufu style

Ich sitze also in meinem Zimmer, und überlege mir, wie ich den morgigen Tag möglichst angenehm gestalte. Und die Flüchtlinge sitzen in ihrer Hütte in Lugufu und überlegen sich, welche Geschichte sie morgen auftischen können, um ihr Leben möglichst angenehm zu gestalten. Ich muss gestehen, dass mir das Konzept der Absurdität weiterhilft. Nicht permanent. Aber immer dann, wenn mir die Umstände Rätsel aufgeben. Collin Powell ist auf seiner Peace Mission im Nahen Osten. Und das Elektron kreist um den Atomkern.

Möglicherweise sind es die Gegensätze, die mir die meisten Rätsel aufgeben. Heute Nachmittag war ich am Strand. Habe entlang der Felsen geschnorchelt. Plötzlich war etwa zwei Meter unter mir ein bunter Fischschwarm. Die Strahlen der Sonne, die schon etwas tief stand, erleuchten den ganzen Schwarm und die Umgebung. Ich bin mitten durchgetaucht und war begeistert von den Farben und der Ruhe und der Wärme des Wassers.

Eine Stunde später laufe ich durch Kigoma. An einem der Stände kaufe ich Ananas und Bananen. Ein verdreckter Bettler in zerlumpten Kleidern stellt sich neben mich, und rüttelt an meinem Arm. Ich frage, ob er eine Banane will und er nickt. Also gebe ich ihm eine. Er nimmt sie, schmeißt sie auf den Boden, fasst mich mit beiden Händen an und fängt an zu schreien. Meinen Fluchtinstinkt unterdrückend, packe ich seine Arme und versuche vorsichtig, ihn abzuschütteln. Darauf hin fängt er an, sich nackt auszuziehen, reißt seine Lumpen von sich, schreit noch lauter, geweitete Augen, und umarmt mich . Da ich mir nicht mehr zu helfen weiß, packe ich ihn fest, schüttele ihn und brülle auf Deutsch, dass es reicht. Er verstummt, ich packe meine Sachen und gehe weiter.Im Norod-Compound, wo ich bisher gewohnt habe, treffe ich auf Colombe, von der ich mich verabschieden möchte. Sie fährt am Abend weiter nach Kasulu. Gerade legt sie eine Chopin-CD ein, und zeigt mir ihr neues Top, dass sie sich in Johannesburg gekauft hat. Und das Elektron kreist um den Atomkern.

In der Bar Stanley gibt es akzeptables Essen und Bier. Ein Mann, den ich schon oefter im Dorf gesehen habe, setzt sich zu mir und bittet um eine Zigarette. Ich gebe ihm eine, und Streichhölzer. Nunmehr versucht er, die Zigarette anzuzünden, was an dem Ventilator scheitert. Immer wenn er ein Streichholz entzündet hat, bläst der Ventilator es wieder aus. Nach dem vierten Versuch gibt er mir die Zigarette zurück und geht. Im Fernsehen läuft eine Reklame für Salama, die führende tansanische Kondom-Marke. Eine Frau in rotem Minikleid hat eine Wagenpanne, gerissener Keilriemen. Ein Mann mit nacktem Oberkörper kommt, zieht ein Salama-Kondom aus seiner Tasche, und wickelt es um die Vorrichtung für den Keilriemen. Sie lächelt ihn an, steigt in den Wagen und heizt ein.

Der Strom ist zurückgekehrt. Meine Kerze ist zur Hälfte runtergebrannt, und die Termiten haben einen Highway zu meinem Müllbeutel gebaut, um die Reste der Ananas auszuschlachten. Effizient und zielorientiert schleppen sie kleine Stückchen auf der Straße entlang aus dem Fenster. Es hat nicht den Anschein, als würden sie sich Gedanken um die Umlaufbahn von Elektronen machen.

Fotos | Kigoma, Lugufu and Mtanga

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